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WARUM STIHL.

„Ich bin auch Personalchef, Kantinenchef und Werkschutz.“

Frühmorgens steht Holger Vollmer am Fußballplatz, Tau benetzt seine Sportschuhe. Hier oben, auf 700 Metern über Normalnull, sieht die Welt aus wie eine Voralpen-Postkarte: Sanft wie eine Daunendecke liegt der Nebel im Tal, darüber erheben sich vor der aufgehenden Sonne der Kirchturm von Wiechs am Randen und der Berg Hohenstoffeln. Vollmer klickt. Ein Handyfoto. Er wird es in seine Präsentation über das Werk 3 einbauen.

Seit fünf Jahren leitet Holger Vollmer die Fabrik in Wiechs. „Die Uhren ticken anders hier oben“, sagt er. Seine 67 Mitarbeiter produzieren in drei Schichten Griffrohre, Dickichtmesser und Scheibenschutz für Trennschleifer. „Mit mehr als 90 Prozent Maschineneffizienz und Verlustzeiten unter 3,5 Prozent liegen wir weit besser als die geforderten Kennzahlen. Und mit unserem Häckselmesser haben wir einen asiatischen Wettbewerber rausgekegelt.“ Die erst 2008 verdoppelte Werksfläche, stöhnt der 40-Jährige, stoße allerdings schon wieder an ihre Grenzen. Und auch sonst ackert Vollmer STIHL intern gegen das etwas verschlafene Dorfimage an.

Andererseits kann Vollmer nur fünfzig Meter vom Werk entfernt eine Idylle fotografieren – in Waiblingen wäre das eine schwierige Übung. Wiechs liegt eben gleichermaßen am Randen (dem Höhenzug) und am Rande (Deutschlands). Im Osten, Süden und Westen: überall Schweiz. Wiechs werde übrigens nicht als „Wieks“ gesprochen, sondern „mit einem weichen CH“, sagt Vollmer. CH wie Schweiz, sozusagen.

Werksleiter Holger Vollmer am Telefon in Büro in Werk 3.

Die Geschichte des STIHL Werkes in Wiechs ist auch eine Familiengeschichte. Hier, im Geburtsort seines Vaters, verbrachte Firmengründer Andreas Stihl einen Teil seiner Kindheit und später viel Freizeit. 1960 saß er, mittlerweile 63 Jahre alt, mit dem Pfarrer zusammen. Es ging mal wieder um wenig Arbeit im Dorf, die Leute wanderten in die Städte ab. Stihl versprach dem Pfarrer ein Werk. Das erste außerhalb Waiblingens – wenn man so will, beginnt hier im Hegau die Globalisierung des Unternehmens.

Bevor Vollmer das Werk leiten durfte, hatte er ein Gespräch mit Hans Peter Stihl. „Er wollte den Repräsentanten vor Ort wohl vorher in Augenschein nehmen“, sagt Vollmer. Der junge Mann mit der eckigen Brille und den Grübchen beim Lachen gefiel dem Seniorchef offenbar. Wie sein Vater verbringt Hans Peter Stihl seinen Sommerurlaub gerne hier im Dorf. Dann schaue er auch mal im Werk vorbei, allerdings nur an Regentagen, erzählt Vollmer und lacht.

Im Standortsicherungsvertrag von STIHL ist das Werk 3 explizit enthalten. Vollmer freut sich vor allem darüber: 2019 kommt endlich die Breitband-Anbindung auch hierher. Er, der gelernte Maschinenbauer und langjähriger STIHLer ist, der früher Entwickler im Werk 2 und in Prag war, wurde hier in Wiechs zum Generalisten. „Im Grunde bin ich Personalchef, Kantinenchef und Werkschutz in Personalunion“, sagt er, als es draußen hupt: Ein Lkw mit der Aufschrift Akku Power Made by STIHL schiebt sich am ebenerdigen Bürofenster vorbei. Vollmer drückt auf eine Fernbedienung, das Werktor öffnet sich.

Wenn Holger Vollmer am späten Nachmittag seinen Dienstwagen zurück in seinen Wohnort Duchtlingen lenkt, über Hügel und durch Täler, nicht aufgehalten von einer einzigen Ampel, sondern höchstens von einem Trecker, 18 Kilometer in 16 Minuten – dann tauchen vor ihm wieder der Hohenstoffeln auf, der Hohentwiel und der Hohenhewen. Und dann denkt er an das nächste Wochenende, wenn er mit seinen beiden Jungs auf dem Bodensee eine Standup-Paddeltour machen wird. Vielleicht wird er nicht bis zur Rente hier arbeiten, aber einige Jahre auf jeden Fall noch. Er ist gut angekommen.