WARUM STIHL.

„Das Gerät geht mit einer potenten Hardware hinaus in die Welt, und wir liefern die Software-Updates.“

Friedhelm Koch radelt morgens die 17 Kilometer von Allmersbach im Tal zum Werk 2 in Neustadt und abends die 17 Kilometer wieder zurück. 250 Höhenmeter sind das. Aber sich bei einer solchen Radtour nicht helfen zu lassen, wäre für einen Akku-Entwickler fast ehrenrührig: Natürlich fährt Koch ein E-Bike.

Das lateinische accumulare bedeutet „sammeln“, bei Friedhelm Koch könnte sich das auf Erfahrung und vernetztes Wissen beziehen. Er ist erst 29, doch sein Zehnjähriges bei STIHL hat er längst hinter sich, mit Anstecknadel und allem. 2005 hat er hier mit der Lehre als Mechatroniker begonnen. Seitdem ist ein dunkler Vollbart gewachsen, die Brille stylisch geworden und Koch kaut grübelnd auf allem herum, was nicht bei Drei auf den Kabelbäumen ist. Er will die Dinge von allen Seiten beleuchten – und dann beginnt er sie umzubauen. Das hat er vom Vater.

Friedhelm Koch im Elektroniklabor bei STIHL.

„Mein Vater hat ein Dutzend Jahre in der Waffenproduktion gearbeitet, erst als Elektromechaniker, dann als Ausbilder. Dann hatte er genug davon, ist in die Paulinenpflege gewechselt und hat dort schon bald kleine und große Helferlein für die Behinderten ertüftelt. Er ist unglaublich begabt in sowas.“

Auch der Sohn ist ein Tüftler. Nach der Lehre begann Koch 2008 in STIHLs Akku-Abteilung. Die erste Akkusäge hat er mit entwickelt, die MSA160 C. Seinerzeit hatte er elf Kollegen, heute sind es 120 – Tendenz steigend. Die Technik boomt. Koch setzte die Fachschule als Informationstechniker obenauf und tüftelte nebenbei 15 Stunden in der Woche weiter. 2012 begann er als Labortechniker, dann wurde er Elektronikentwickler, seit zwei Jahren ist er auch Funktionskoordinator. Sein siebenköpfiges Team, die „EXG“, testet, erforscht und entwickelt Ladegeräte und Diagnosesysteme.

Friedhelm Koch am Arbeitsplatz zwischen STIHL Geräten.

„Wenn Sie auf einer Party erzählen, dass Sie was mit Akkus machen, horchen alle auf. Heute finden Sie ja in einem Raum häufig mehr Akkus als Personen. In Ihrer Smartwatch, im Handy, im Rechner und so weiter. Aber wenn Sie dann erzählen, dass Sie Ladegeräte entwickeln, sinkt das Interesse schlagartig auf Null. (lacht) Dabei ist das Thema superwichtig. Denn je mehr Energiedichte Sie anhäufen, desto gefährlicher können Akkus werden. Explosionen, Brände – ich würde kein No-Name-Ladegerät im Keller betreiben, wenn meine Kinder im Stockwerk darüber schlafen.“

Während Koch spricht, passiert er im Keller des Entwicklungszentrums in Werk 2 eine Handvoll grauer Container und weist mit dem Finger durch Sichtfenster. Dahinter Dutzende STIHL Ladegeräte, die Dutzende von Akkus laden. Belastungstests, Dauerläufe, Umwelteinflüsse. Die Grundfragen, die Friedhelm Koch antreiben, sind eigentlich einfache: Was soll ein Ladegerät? Was darf es nicht? Danach steigt die Komplexität aber sofort exponentiell an: Wie stelle ich sicher, dass Akku und Ladegerät nicht heiß werden? Wie lade ich die Zellen optimal – ob sie nun halbvoll sind oder ausgelutscht, ob und wie darin Elektroden und Elektrolyt verbaut sind, ob es 25 Grad warm ist oder 4 Grad? Sicherheit hat bei STIHL oberste Priorität, sagt Koch. Auch deshalb hat sein Team vor zwei Jahren ein Samsung Galaxy Note 7 geöffnet. Sie wollten verstehen, was damals zum Brand mehrerer Exemplare des Smartphones führte – und zu einer ebenso gigantischen wie rufschädigenden Rückrufaktion.

Friedhelm Koch entwickelt Ladegeräte im Elektroniklabor.

„Natürlich darf uns so was nicht passieren. Aber Scheitern ist wichtig, um zu lernen. Da müssen auch wir bei STIHL noch an unserer Kultur arbeiten. Früher haben wir das perfekte Gerät auf den Markt gebracht, das genügte dann jahrelang. Jetzt lernen wir gerade, dass wir die Veränderung gleich mitdenken müssen, um unsere Produkte und Prozesse evolutionsfähig zu machen: Das Gerät geht mit einer potenten Hardware hinaus in die Welt, und wir liefern die Software-Updates. So wird ein schon sehr gutes Produkt nach und nach zum perfekten Produkt – auch für Anwendungen, die uns heute vielleicht noch nicht genau bekannt sind. Man darf scheitern: Diese Art zu denken ist für viele im Unternehmen neu und stellt uns vor neue Herausforderungen.“

Wie schrieb Samuel Beckett? „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Koch würde das sofort unterschreiben. Das Tüfteln stoppen? Nie im Leben.